Schoenerwissen/OfCD

Schoenerwissen

Office for Computational Design

November 2001

Ich will Designer werden

by Anne Pascual & Marcus Hauer, Jan Rikus Hillmann

Falls ihr die Entscheidung getroffen habt, Designer zu werden und noch nicht wißt wie: Wir werden in den nächsten Ausgaben versuchen, verschiedene Versionen der Designausbildung glasklar unter die Lupe zu nehmen. Dabei helfen uns zwölf gestandene Profis, die uns geheime Informationen über ihre Hochschulen und Professoren verraten. Dazu gibts tollen Service, der diesmal mit einem Thesenpapier beginnt und die nächsten Male neue Designstudiengänge vorstellt. De:Bug hilft!

Zwölf unbedeutende Thesen für eine erfolgreiche Designausbildung

Mut: Ein Designstudium hat keinen Anfang und kein Ende, das steht fest! Jedenfalls merkt man nicht, wann es beginnt und was dabei heraus kommt - falls doch, kannst du es gleich sein lassen. Daher wähle die Hochschule aus, die dir am merkwürdigsten erscheint, und nicht die, welche dir am nächsten liegt. Entdecken und Staunen ist die Devise!

Deblockade: Schriftschnitte und Farbenlehre mögen wichtige Grundlagen sein, aber eigentlich benötigen wir genauso Wissen aus verwandten Gebieten. Zwischen Chaostheorie und dem Masterplan für Manhattan lassen sich viele Aspekte von Design ausmachen, die euch euer Professor vielleicht vorenthält. Man könnte Interdisziplinarität auch "Prinzip Sesamstraße" nennen.

Egotrip: Obwohl dir während deines Studiums sicherlich jede Menge elektronische Assistenten über den Weg laufen werden und es immer noch ein Tutorial zu lernen gibt, lass dich nicht davon nervös machen, denn es gibt kein optimales Expertentum. Du erfindest deine Werkzeuge am besten selbst. Damit überstehst du jedes Technologie-Upgrade.

Emotional Intelligence: Im Team arbeiten ist ungefähr so essentiell, wie Software zu kapieren und die richtigen Informationsquellen zu haben. Dabei geht es nicht nur darum, komplexe Systeme zu durchschauen, sondern auch ein Teil komplexer Systeme zu sein. Sich um jedes Pixel streiten und glaubhaft Vorstellungen zu kommunizieren. Die anderen werden es dir danken.

Style: Copy and Paste als stilistische Fingerübung wird dich weiter nach vorne bringen als das Durchbringen einer individualistische Position. Außerdem ist Design Stückwerk, dass auf Referenz und Querverweisen basiert, so sehr, dass manchmal der Unterschied zwischen Retro und Futurismus verschwimmt. Kopieren geht über studieren! Das wirklich Gute und Praktische am Kopieren ist der Umstand, dass man sich nach kurzer Zeit nicht mehr mit der Kopie zufrieden gibt. Kopieren ist deshalb in vielen Fällen ein kreativer Prozess-Katalysator, d.h. es bringt einen mächtig nach vorn. Merke trotzdem: Hippe Designbücher haben noch keinem geholfen.

Wankelmut: Die Möglichkeit besteht, dass du eine falsche Fährte wählst, entweder, weil du nur an Usablility denkst oder weil du völlig in deinem Universum aus Schönheit und Genialität verschwindest. Irgendwie gehört auch das zum Entwurfsprozess, zwischendurch muss man von der einen Seite auf die andere hüpfen können. Deshalb sagen wir ganz klassisch: The process is the point.

Substanz: Beschreiben und Interpretieren, Ausprobieren und auf den Kopf stellen, Invertieren und Sammeln, das sind alles Methoden, die dich vor Redundanz und Langeweile schützen sollen. Auch Meditation kann nicht schaden. Selbst wenn dich irgendwann alle als Esoteriker beschimpfen, merkst du allein, welche Methoden deinem Tatendrang einen Schubs geben. Und es wird funkeln!

Methode: Design ohne Handwerk ist kein Design. Design ohne Inhalte ist kein Design. Design ohne Ästhetik ist kein Design. Am Anfang gilt: Ergebnisorientiert analysieren, konzipieren und produzieren. Und dabei viel Vilem Flusser und Walter Benjamin lesen und David Carson langsam mal vergessen.

Copyleft: Ideen kann man Patent-rechtlich schützen! Denn entweder du akzeptierst, dass sie dir nicht gehören und von jedermann entwendet werden, oder du verabschiedest dich gleich von dem Geniegedanken im Design. Hauptsache eine klare Entwicklungslinie entsteht, an der sich deine Ideen wie Perlen auf einer Kette aufreihen. Nicht den Faden verlieren und die Globalisierung mit Softwarepiraterie bekämpfen.

Networking: Suche dir früh einen cleveren Juristen als Freund und informiere dich genau über die Möglichkeiten, bei Auftraggeberinsolvenz doch noch deine Kohle zu sehen.

Tatendrang: Baustellen gibt es genug. Nur dort lassen sich Experimente durchführen, Klötze schieben und Farbpaletten aufstellen. Am besten du beginnst damit schon während des Studiums, denn je unprofessioneller du sie angehst, umso nachhaltiger wird der Effekt sein. Praxis und Theorie sind nicht zwei verschiedene Dinge, nur unterschiedliche Phasen eines Gedankens.

Support: Zwischendurch und auch mittendrin empfehlen wir die wohldosierte Einnahme guter Nahrung. Überhaupt sollte ein Kochkurs zur Grundausbildung eines jeden Designers gehören. Wem die strategische Komponente und das Taktgefühl nicht von Geburt an mitgegeben wurde, der wird aus Spielen aller Art große Vorteile ziehen können. Ist das alles zu anstrengend, eine Pause hilft immer weiter.