Schoenerwissen/OfCD

Schoenerwissen

Office for Computational Design

September 2001

Videomix-Software "nato"

by Marcus Hauer

nato ist nicht nur ein militärisches Bündnis, sondern auch die Wunderwaffe vieler Videokünstler und VJs. Basierend auf der Progarmmierumgebung MAX können in nato Informationen jeder Art frei miteinander Achterbahn fahren und Animation erzeugen. Wer nato entwickelt hat, weiss niemand genau. Die Programmierer schickten von Anfang an eine virtuelle Entwicklerin ins Rennen.

Netochka Nezvanova ist ein Mythos. Genau genommen nicht nur einer, sondern mehrere zugleich. Ambient-Fernsehgucker des Literarischen Quartetts wissen natürlich, dass Dostojewskis erster Roman diesen Titel trug: "Netochka Nezvanova". Deuten bzw. übersetzen kann man das Ganze mit "Namenloser Niemand", was uns dem Anliegen dieses Avatars auch schon ein wenig näher bringt. Denn Netochka Nezvanova ist das Synonym, hinter dem sich eine Gruppe von Programmierern versteckt. Und die sahnten im letzten Jahr mit ihrer Videomix-Software "nato" alle Preise ab.

Von Mails zum Video-Jockey-Tool
Angefangen hatte alles mit "cw4t7abs", einer Online-Identität von Nezvanova, die versuchte diverse Mailinglisten mit kryptischen Texten in einer Hybridsprache zu überfluten. Bestehend aus englischen, französischen und deutschen Wortschnippseln wird gemixt und gesampelt, bis wirklich alles verschlüsselt daher kommt. Was die Vermutung einer Kollaboration von verschiedensprachigen Hackern nahelegte. Wahrscheinlich wartet Nezvanova nur darauf, dass man Decoder programmiert, mit dem ihre Mails wieder lesbar werden. Auf der Mailingliste "Rhizome" jedenfalls gingen manchmal bis zu 30 Mails pro Tag ein - bis Nezvanova geblockt wurde. 1999 erschien die Software "nato.0+55" unter dem selben Pseudonym, "Netochka Nezvanova". Sie funktionierte das Programmier-Miditool "MAX" zu einem vollständigen Video Toolkit um. Es kamen Preise und Auszeichnungen aus aller Welt über Nezvanova. Denn mit der Software kann man visuell mixen.


So funktioniert Nato
Wenn man jemandem "nato.0+55" erklären will, muss man wissen was "MAX" eigentlich ist. "MAX" wurde vor ca. 20 Jahren am IRCAM in Frankreich für den Macintosh entwickelt, später von Opcode übernommen und wird heute von Cycling '74 in Kalifornien betreut und verbessert - gerade ist Version 4.0 erschienen. Es ist eine Art multimediale Entwicklerumgebung, mit der, um nur zwei Beispiele zu nennen, die Rockband U2 ihre gesamte Lightshow ihrer Konzerte oder aber Brian Eno seine Klanginstallationen steuert. Cycling '74 (siehe auch Feature in De:Bug 37) stellte dann schließlich als Zusatz "MSP" vor,
die Audio-Erweiterung zu Max, die vor allem durch das PlugIn-Paket "Pluggo" (siehe auch De:Bug 23) bekannrt wurde. Da MAX aus einzelnen Objekten besteht, kann man natürlich auch eigene MAX-Objekte bauen und erzeugen. Wer mit der Programmiersprache C vertraut ist, kann ganz leicht eigene Tools für MAX herstellen. Viele der Laptop-Musiker tun das - oder behaupten es zumindest.
"Nato.0+55" ist nun eigentlich nichts weiter als eine Sammlung aus MAX-Objekten, die Zugriff auf visuelles Material ermöglichen. Das Material kann in Echtzeit verändert bzw. an bestimmte Daten und Ereignisse gekoppelt werden. Wenn z.B. eine News auf CNN erscheint, kann man dieses Ereignis an eine Funktion hängen. Die Visuals in der Disko reagieren dann auf News von einer HTML-Site bei CNN. Ganz einfach. In der neueren Version von "nato.0+55", die jetzt "nato.0+55+3d modular" heißt, kann man auch dreidimensionale Objekte erzeugen.

Preisverleihung
Als die Multimediakunst-Festivals begannen, einen Preis für Software auszuschreiben, ging der regelmäßig an diese Software. Letztes Beispiel hierfür war die "Transmediale" in Berlin, die ihr Anfang dieses Jahres einen weiteren dieser Pokale verlieh. Außerdem bekam Nezvanova den Titel "Top 25 Women on the Web" verliehen. Zwischen Managern von Hewlett-Packard und Cisco muss wohl auch eine virtuelle Person nicht mehr genau wissen, in welcher Realitätsebene sie denn nun lebt. Die Preise nahm nicht die Programmierer-Gruppe entgegen, sondern eine junge Studentin, die einfach vorgeschickt wurde und sich als Nezvanova ausgab. Die Entwickler selber blieben im Hintergrund. Mittlerweile hat man allerdings verschiedene Nezvanovas auf diversen Events gesichtet. Und neuerdings arbeitet Netochka Nezvanova mit "Irena Sabine Czubera" zusammen. Woran man arbeitet, bleibt gespannt abzuwarten, denn zumindest für Video Jockey (VJ), der zur Zeit bei keiner Party fehlen darf, bringt das natürlich eine Menge neuer oder einfach praktischer Funktionen mit sich. Basierend auf Apples Multimedia-Standard QuickTime, kann man mit "nato" jedes Format, das von QuickTime unterstützt wird (QuickTime-Filme, QuickTime VR, Flash-Movies und auch OpenGL, der Quasi 3D-Standard), bearbeiten und in neue Bilder verwandeln. Besitzt man "MSP" kann man hereinkommende Audiodaten analysieren und über "nato" an visuelle Ereignisse hängen. Aber auch als Videomischpult mit Effektgeneratoren lässt es sich prima einsetzen. Alle so erzeugten Projekte kann man als Programm abspeichern und jeder, der kein MAX/MSP und nato besitzt, kann sich die Projekte anschauen. Eine Menge dieser Projekte kann man heute schon auf der nato-Website downloaden.

Kommerz gegen Dostojewski?
Die Identität geht allerdings nicht ganz auf. Zwischen der Netochka Nezvanova der Mailinglisten und der Software gibt es offene Fragen. Denn die Software kostet viel Geld, umgerechnet um die 1400 DM. Das passt gar nicht zu den antikapitalistischen Sprüchen, die Netochka auf den Listen so pflegt. Außerdem setzt ihre Software nur auf kapitalistisch-kommerzielle Standards wie Apples QuickTime auf und distanziert sich somit auch nicht von den "Corporate Fascists" - ein von ihr gern benutzter Ausdruck. Um auf den Webseiten überhaupt an das Produkt zu kommen, braucht man immerhin mehrere Anläufe, um zu merken, dass es eine Produktsite ist, und nicht net.art. Das will sie auch nicht sein. Glück gehabt Netochka!