Schoenerwissen/OfCD

Schoenerwissen

Office for Computational Design

April 2002

Die Wiege des Konzeptstores

by Anne Pascual

Die Wiege des Konzeptstores liegt in Paris: Colette, ein Laden für "styledesignartfood" ist 1997 von Madame Colette Rousseaux und ihrer Tochter gegründet worden. Ihre Idee, Objekte aus verschiedenen Kontexten, Orten und Preisklassen zusammenzubringen, ist seitdem oft kopiert worden. Ihre persönliche Note ist jedoch unerreicht. Jetzt wird der Laden, der sich nicht zwischen Kultur und Kommerz entscheiden möchte, fünf Jahre. Ein Porträt.

DER ORT
Wenn man Colette das erste Mal besucht, wird man zunächst von der Vielfalt der schönen Dinge erschlagen. Die verschiedensten Objekte auf 700 qm, zwar auf drei Etagen verteilt, aber dennoch geballt vor sich zu sehen, ist dann doch etwas viel. Meist macht es Mühe, sich an den einfachen, beleuchteten Vitrinen vorbei zu schieben, so voll ist es hier. Nur die Schaufenster sind fast leer, setzen einzelne Objekte in den Mittelpunkt des sonst vorbeirennenden Interesses. Denn eigentlich ist Luxus an dieser Stelle der Stadt keine Seltenheit, sondern ein fester Bestandteil: die großen Modehäuser haben hier, im ersten Arrondissement, ihre Boutiquen. Die Rue Saint-Honoré, auf der Colette befindet, verläuft parallel zu der Rue de Rivoli, die wiederum den Louvre, die Tuillerien sowie die sich daran anschließende große Achse, Place de la Concorde, Champs Elysée und Arc de Triomphe verbindet. Eingebettet in die Geschichten des großen Maßstabes, egal ob es Architektur oder Warenwelt betrifft. Doch Colette konzentriert sich nicht auf Luxus, sondern auf das Besondere. Obwohl es Dinge in jeder Preisklasse zu kaufen gibt, überwiegt der Eindruck, dass die Prada Artikel, der mit Nerz bezogene Shopper und die güldene Sicherheitsnadel nur wegen der reichen Abnehmer dort hingelangt sind. Der typische Louis Vuitton Käufer ersteht hier CDs von Oval oder Chicks on Speed, die er sonst wahrscheinlich nie im Leben hören würde. Die jungen, unbekannten Künstlern und Designern, die hier angeboten oder ausgestellt werden, ist das natürlich zunächst egal. Colette remixt Kontexte, erweitert damit Horizonte und verschafft auch kleineren Projekten ein breiteres Publikum.

DAS KONZEPT
Das Herausragende an Colette ist trotz der vielen, exquisiten Dinge, die es dort zu kaufen gibt, etwas Unsichtbares. Es ist auch nicht der Ort, diese saubere, hell erleuchtete Verkaufszone, bei der elektronische Musik als Muzak im Hintergrund clickert. Colette ist ein Konzeptstore, der, seitdem er am 20. März vor 5 Jahren eröffnet wurde, viele Nachahmer anderorts gefunden hat, aber natürlich nicht mit dem selben Erfolg. Gegründet hat ihn Madame Rousseaux, deren Vorname tatsächlich Colette ist. Die Idee allerdings stammt von Sarah, ihrer heute 25jährigen Tochter, der nach Abschluss ihres Kunstgeschichtsstudiums an der Elite Schule 'École du Louvre' einfiel, Design, Mode, Kunst, Musik, Food und neue Technologien an einem einzigen Ort, in einem gemeinsamen Ladengeschäft unterzubringen. So kommt es, dass sich im Erdgeschoss Beautycare-Artikel und Designobjekte wie Möbel und Schmuck neben elektronischen Gadgets aufreihen. Steigt man die Treppe hoch, sieht man die neusten Kollektionen junger Modedesigner, und zwar sowohl von mittlerweile gut verkaufenden Belgiern als von auch noch unbekannten Neuentdeckungen. Ganz hinten durch, in den Mezzaninen, steht man in einem Bookstore, der internationale Zeitschriften, aktuelle Kunst- und Designbücher, aber auch Musik zusammenstellt. Gleich darüber ist der Galeriebereich, der wechselnde Ausstellungen von Künstlern und Designern wie John Maeda, Claude Closky, Bless, Hussein Chalayan oder Tomato zeigt. Und weil Lebensart mit dem Essen zusammenhängt, kann man sich in der untersten Etage neben gesunden Snacks eines aus 300 verschiedenen Sorten Wasser aussuchen.

DAS GEHEIMNIS
Es ist nicht das Konzept per se, das Anziehungskraft besitzt, zumal diese Form des erweiterten Verkaufsszenarios inzwischen auch von Labeln wie Giorgio Armani in der Pariser Dependance kopiert wurde. Es ist wohl das Händchen der "unsichtbaren" Macher, die das Geschäft zum Leben erwecken, indem in ihrem speziellen Stil Objekte aus verschiedenen Kontexten suchen, die in den Vitrinen nebeneinander etwas besonderes werden. Es heißt, Colette Rousseaux stehe sogar selbst unerkannt neben den anderen Verkäufern parat, um die Kunden zu beraten. Sarah, die "künstlerische Leiterin" oder Chefeinkäuferin, ist meist in der ganzen Welt unterwegs, auf der Suche nach neuer Inspiration, die dann in den Vitrinen landet. Das Angebot wechselt wöchentlich. Es ist ihr Geschmack, der sich in dem Store widerspiegelt. Sie wählt das Angebot nach persönlichen Kriterien aus. Das Exklusive, verbunden mit dem Reiz des Persönlichen macht es wohl, dass diese subjektive Auswahl etwas Verführerisches hat. Gegenstände, die einem an anderen Flecken oder in einer anderen Situation nie auffallen würden, kriegen hier das Hipness-Siegel mit Bewunderungsgarantie. Es sieht fast so aus, als ob der Style, den Colette prägt, deshalb immer bekannter wird, weil ihn so wenige tatsächlich verkörpern. Ein familiäres System, das sich eine persönliche Note erlaubt und indem nicht selten Freundschaften mit Künstlern und Designern die Grundlage für Geschäfte bilden. Um das Gerücht weiterer Filialen in New York und Tokyo zu entkräften, gibt Colette in ihrem "Denim Report N° 5" offiziell bekannt, demnächst eine neue Filiale auf dem Mond zu eröffnen.

Colette - styledesignartfood - findet sich 213, rue Saint Honoré, 75001 Paris