Schoenerwissen/OfCD

Schoenerwissen

Office for Computational Design

February 2002

Temporary Shopping Kultur

by Anne Pascual

Finale Übergangslösung - mit dem Konzept des Temporary Shops für die Ladenkette des Schuherstellers "Camper" bricht der spanische Interior-Designer Martí Guixé aus dem grenzübergreifenden Wallpaper-Einheitsschick aus.

"Urbane Räume funktionieren nur noch als Shopping Space", heißt es in der neu erschienenen Studie mit dem irreführenden Titel "Guide to Shopping". Darin wird erklärt, dass Kaufen und Warenanbieten, dieser Genusszwang, so gut wie alle übrigen Bereiche des urbanen Lebens sich verschoben hat. Egal ob Straßen, Bahnhöfe, Museen, Krankenhäuser, Schulen oder auch das Militär ... alles wird von Kauf-Mechanismen geregelt. Shopping ist damit zur letzten und einzigen Form öffentlichen Handelns geworden. Diese These ist von den Studenten des weltbekannten Architekten, Urbanisten und Theoretikers Rem Koolhaas an der Harvard University jetzt untersucht worden. Auf 800 Seiten werden die Techniken, Architekturen und Instrumente analysiert, die zur heutigen Shopping Kultur geführt haben. Wer sich durch das dicke Buch gekämpft hat, weiß am Ende aber nicht unbedingt, was mit der Erkenntnis über die Effekte dieser Konditionierung anzustellen ist. Schließlich steht der nächste Besuch bei Nike Town vielleicht schon an, und dank Naomi Kleins "No Logo" sind wir sowieso ein Stück abgeklärter. Trotzdem, der spannenden Studie sei dank, wir suchen nach Ausnahmen und Auswegen, was mit dem Shop als überkontrollierte Umgebung anzufangen ist. Dazu traf DEBUG den spanischen Interior-Designer Martí Guixé in dem von ihm entworfenen Camper Shop Berlin.

DEBUG: Die Einrichtung dieses Camper Shops ist nur ein Provisorium. Hier steht geschrieben, dass wegen der langen Planungs- und Realisierungszeit des endgültigen Interiors eine temporäre Lösung gefunden wurde. Wie kam es zu diesem Konzept eines "Temporary Shop"?

Martí Guixé: Die Geschichte ist ganz komisch. Vor drei Jahren hat Camper ein Ladengeschäft in Mailand gemietet, auf der schicken Via Monte Napoleone, auf der auch Gucci und Armani ihre Shops gleich gegenüber haben. Eigentlich sollte ein Japaner den Camper Shop realisieren, der brauchte aber 6 Monate Vorlaufzeit. Camper konnte nicht so lange warten, sie riefen mich an und baten mich, eine temporäre Lösung für den Raum zu finden. Bedingung war, dass es schnell geht, wenig Aufwand und Kosten verursacht und vor allem als vorübergehende Lösung erkennbar ist. Ich habe zwei Wochen für die Realisierung des Shops gebraucht. Die Möbel wurden genau wie hier aus Schuhkartons gebaut, an der Decke hängen günstige Lampen von Ikea, Modell "Foto", und die Wände sind einfach weiß lackiert. Allerdings wurden sie umfunktioniert. Wie es in spanischen Tapasbars üblich ist, können alle Besucher mit dicken, roten Eddings Botschaften, Statements oder Kritzeleien hinterlassen. Zu Beginn waren die Wände ganz weiß, aber mit der Zeit werden sie immer dunkler, von den roten Botschaften.

DEBUG: Das ist kein gewöhnlicher Shop, in dem der Käufer mit Wohlfühl-Gefühlen ruhig gestellt wird. Stattdessen macht sich der Raum bemerkbar, man wird hier aufmerksam gemacht. Dein Konzept sieht vor, dass der potentielle Kunde ein öffentliches Statement hinterlässt, egal, ob er ein paar Schuhe erworben hat, oder nicht. Funktioniert deine Idee mit den Schriftzügen überall auf der Welt?

Martí Guixé: Ja, aber so ein Temporary Shop wird in jedem Land anders. Das Graffiti funktioniert als lokales Element, das im Pariser Shop ähnelt dem in Milano oder dem hier in Berlin überhaupt nicht. Die Italiener haben sich zum größten Teil an die dafür vorgezeichneten Kästchen gehalten, hier wird alles übermalt, die Sprüche sind auch etwas konsumkritischer. Diese lokalen Unterschiede forciere ich. Ich habe zwar eine Bauanleitung erstellt, wie ein Shop aussehen soll, sie lässt aber genügend Freiraum, auf welche Art und Weise er letztlich realisiert wird. In Mailand haben Architekten sehr genau auf Details geachtet, in Paris wurde er von einer Firma, die Messestände baut, fertig gestellt. Sehr faszinierend finde ich auch die unterschiedlichen Reaktionen auf dieses provisorische Konzept. In Milano wurde der Shop als Provokation empfunden, gleich neben den Luxusshops, aber er war deshalb umso erfolgreicher. Hier jedoch ist man solche Zustände gewohnt, es passt in die restliche Umgebung und wurde etwas langsamer angenommen.

DEBUG: Der Shop dient als Meinungslandschaft sozusagen, nicht als subversive Branding Strategie. Wie lang funktioniert diese Idee?

Martí Guixé: Es muss eine vorübergehende Lösung bleiben, um ehrlich zu wirken. Mich persönlich interessieren solche speziellen Aufgaben nur, solange sie nicht zur Gewohnheit werden. Momentan entwickle ich drei verschiedene Camper Shop Modelle. Neben diesen Temporary Shops gibt es die festen und operativen Läden, aber als nächstes plane ich ein System von Special Shops, in denen es auch möglich sein wird, weitere junge Designer einzubeziehen. Durch solche Kooperationen kommt immer etwas Offenes, Neues hinzu. Es ist zwar wichtig, dass die Marke Camper erkennbar bleibt, aber mindestens genauso wichtig ist, dass Charakter und Persönlichkeit rüberkommt. Die Camper Shops haben viel ausgelöst.

DEBUG: Aber man merkt deutlich, welchen Einfluss ein Shop ausübt, dass dies ein codierter Raum ist, denn man betritt letztlich eine Marke.

Martí Guixé: Das mag stimmen, aber der Name Camper kann auch durch jeden anderen ersetzt werden. Streich ihn durch und schreibe "Gott" oder "Levis" an die Tür und es verändert sich etwas. Wichtig ist, dass es eine persönliche Form gibt, die eben nicht durch Marketing gemacht, sondern durch die Menschen, mit denen man arbeitet, entsteht. Lorenzo Fluxá, der Chef von Camper, ist eben offen für solche Dinge. Ich beobachte, wie sich alles überall in Europa immer ähnlicher wird. Egal in welcher Stadt du in ein neues Restaurant gehst, sie wiederholen alle diesen Wallpaper Style, sehen alle gleich aus. Das ist auch Globalisierung.

DEBUG: Du arbeitest nicht ausschließlich für Camper, sondern als freier Designer. Was macht die eigene Arbeit?

Martí Guixé: Zur Zeit stelle ich ein Buch fertig, in dem ich fast 150 Objekte aus den letzten fünf Jahren zeige. Es wird erst im Frühjahr fertig. Außerdem möchte ich ein eigenes Restaurant in Barcelona eröffnen, gemeinsam mit einem befreundeten Koch. Wir wollen, dass die Gastronomie das Interior aufnimmt. Ein anderes, neues Thema, das mich interessiert, ist Information als Dekoration zu sehen oder zu denken.

DEBUG: Nicht alle deine Objekte kann man kaufen. Es gibt sie nur als Prototyp.

Martí Guixé: Ich entwerfe nie nur fertige Produkte, sondern Objekte, die übliche Handlungsweisen transformieren - Ideen. Überall kann man nach neuen Wegen suchen, etwas zu gestalten, egal, ob es nun ein Shop oder Fooddesign ist.

DeBug: Vielen Dank!

The Harvard Design School Guide to Shopping /
Harvard Design School Project on the City
Edited by: Chuihua Judy Chung, Jeffrey Inaba, Rem Koolhaas, Sze Tsung Leong
2002, Taschen, EUR 45,00

Great Leap Forward / Harvard Design School Project on the City
Edited by: Chuihua Judy Chung, Jeffrey Inaba, Rem Koolhaas, Sze Tsung Leong
2001, Taschen, EUR 45,00