Takeover - Ars Electronica
Kunst und Design wächst im Internet mehr und mehr zusammen. Das hat auch die jährlich stattfindende Preisverleihung Ars Electronica gemerkt. Aber wird man der Logik der Bereiche wirklich gerecht, indem man Kunst und Desgin in einen Topf wirft?
Schon zu Beginn dieses Jahres fand auf der Mailingliste Nettime unter dem Subject "Disassociate Webdesign from Usability" eine rege Diskussion darüber statt, was denn die wirklichen Aufgaben von Design seien. Man richtete sich vor allem gegen den einheitlichen Look kommerzieller Websites und warf den Designern vor, sie würden gemäß den Wünschen der Geld- und Auftraggeber langweiliges Screen Design unter reinen Usability-Gesichtspunkten hervorbringen, statt sich an der Innovation neuer Standards zu beteiligen, wie es mit Open Source Software, P2P, oder Design for Mobility möglich und nötig sei. Die Forderung, Web Design solle sein kreatives Potential durch neue Allianzen entwickeln, fand jedoch außerhalb der Liste nicht sehr viel Unterstützung. Zu offensichtlich wirft man den Designern die alte Devise "form follows function" vor und deklariert, Ästhetik für User sei wenig wert, nur um sie gemäß der eigenen Ziele ausrichten zu können.
Vielleicht haben sich die Macher der diesjährigen Ars Electronica "Take Over ? Wer macht die Kunst von morgen" bei der Suche nach ihren Nominierungen für den Prix Ars Electronica von dieser Debatte beeindrucken lassen. Denn trotz heftiger Widersprüche gibt es natürlich eine große Schnittmenge von Kunst und Design. Und sie wird immer größer. Der Grund dafür liegt vor allem in den gemeinsamen Produktionsmitteln: Künstler und Designer benutzen in der Regel dieselbe Software, besonders im Webpublishing. Die Frage - Wer macht die Kunst von morgen? - zielt deshalb darauf ab, den Macher von morgen auf Grund seiner Fähigkeiten und Talente zu bestimmen. Die Kunst von morgen hängt davon ab, wie avanciert man Technologie für seine kreative Arbeit einsetzt. Diejenigen, die ihre Werkzeuge selbst entwickeln und sich an das Software Engineering machen, um sich der Einschränkungen durch Marcomedia und Co zu entziehen, sind dabei nicht selten sowohl an freien wie angewandten Projekten beteiligt.
Weil diese Phänomene sich nun nicht mehr unter der Kategorie "Net" zusammenfassen lassen, will die Jury des Prix Ars Electronica dieses Jahr den "Netvisions" und den "Netexcelences" jeweils eine goldene Nike verleihen. Die Aufteilung hat jedoch zur Folge, dass Kunst- und Design-Projekte in einen Topf geworfen werden, ungeachtet der vielen Unterschiede von Ansatz, Selbstverständnis und Zielsetzung. Auf der Suche nach dem avantgardistischen Prinzip der Kunst schaut man sich in anderen Bereichen um: Wissenschaft, sub- und popkulturelle Nischen, Business & Entertainment. Das sind die wahren Locations spannender, aktueller Entwicklungen, heißt es im Statement der Veranstalter. Und so stehen auf der Liste der Nominierten und der Honorary Mentioned dieser beiden Kategorien u.a. das Sonic Team mit ihrem Sega Spiel "Phantasy Star Online" für Sony, Kleber mit ihrer Website für Warp Records, Oldstar Joshua Davis mit Praystation, das Label micromusic.net, Designportal Kaliber10 000, oder das Hobby von ACNE "Netbaby World". Diese Auswahl sorgte im Vorfeld schon für genügend Aufregung, bleibt abzuwarten, wie bei den Veranstaltungen vor Ort Konstellationen und Faktoren geklärt werden.
Indem die Kunstinstitution das Festival als Marktplatz für Ideen deklariert und Innovation als kleinsten gemeinsamen Nenner nimmt, tritt sie manchen auf die Füße: Denen, die Kunst noch nicht als anschmiegsames Business Model verloren sehen. Und denen, die Design als angewandte Wissenschaft betreiben wollen, ohne gleich als Service Industrie degradiert zu werden. Der Gegenstand dieser Auseinandersetzung mag ein Hindernis zum Abräumen von Hindernissen sein, aber vielleicht ist das auch die cleverste Form eines Übernahmemanövers.